Es regnet in Strömen. Mareike Neumann aus Kiel beeilt sich, ihre Produkte in den Pavillon zu bringen. „Wochenlang war es so schön, und jetzt regnet es seit Tagen“, sagt sie, klettert auf einen Klappstuhl und zieht mit einiger Anstrengung die Reißverschlüsse ihres Standes auf der Kieler Woche 2018 zu. Handtaschen, Kleidungsstücke und kleine Portemonnaies – Unikate, die möglichst nicht nass werden dürfen. Mareikes Konzept für ihr Start-up ist einfach: Den Stoff besitmmen die Kunden, sie näht.

Eigentlich studiert sie, fing irgendwann an, Kleinigkeiten für Freunde zu nähen und meldete dann 2014 ihr Gewerbe an. Seitdem verkauft sie ihre Einzelanfertigungen unter dem Label „Mkay“. Sie nimmt nicht an vielen Großveranstaltungen teil, denn diese bedeuten zu viel Arbeit für das, was am Ende dabei an Gewinn abfällt. Außerdem finden die alternativen Angebote auf Events häufig am Rande statt. Auf der Kieler Woche 2018 bestätigt sich das: der Kunsthandwerkermarkt besteht aus sechs Ständen am äußeren Rand des Schlossgartens und wird nicht auf den offiziellen Wegweisern angekündigt. Die Hinweisschilder haben die Standbetreiber selbst angefertigt, eines davon wurde geklaut.

Hilfe von der Uni

Junge Kieler, die ein eigenes Unternehmen mit einer innovativen Geschäftsidee gründen wollen, haben es vor allem dann leicht, wenn sie wie Mareike an der Uni studieren. Denn dort gibt es Starthilfe, zum Beispiel durch die Starter Kitchen. Auch Vereine wie die „Alte Mu“ untersützen die stetig wachsende Start-up-Szene.

Ein Start-up zunächst nur als zweites Standbein zu gründen, zum Beispiel neben dem Studium, bedeutet zwar viel Arbeit, ist aber trotzdem sinnvoll. Der Druck, schnell Erfolg zu erzielen, ist ohne festes Standbein zu hoch.

Wenn aus dem Hobby mehr wird

Für Lars Müller wäre es ohne einen festen Beruf als Geschäftsführer einer Web-Agentur ebenfalls ein schwierigerer Start mit seinem Geschäft „BREWCOMER“ in der Stiftstraße 1 geworden. Trotz seines Vollzeitjobs hat er sich entschieden, sein Hobby zum Beruf zu machen. Bei „BREWCOMER“ gibt es Craft Beer. Das handwerklich gebraute Bier ist im Rahmen eines steigenden Bewusstseins für nachhaltig und regional produzierte Lebensmittel ein Trend-Produkt. Dass „BREWCOMER“ etwa zeitgleich mit der Markteinführung von „lille“-Bier eröffnete, kam beiden Start-ups zugute.

 

Michal Plümer fing als Aushilfe bei BREWCOMER an, jetzt arbeitet sie dort fest angestellt.

Michal Plümer, genannt Michi, war von Beginn an dabei. Zunächst als Aushilfe und nach dem Abschluss ihres Studiums als festangestellte Teilzeitkraft. Nach Michis Erfahrung wird den Kieler Start-up-Unternehmen von der Stadt und von Vereinen gut geholfen.

Ohne Netzwerk geht es nicht

Das wichtigste sei für „BREWCOMER“ seit Beginn ein gutes Netzwerk. Ohne die sozialen Medien und die Präsenz auf Messen und großen Veranstaltungen, gehe es nicht. Anfangs hatte das Geschäft nicht einmal feste Öffnungszeiten. Damals wurde bei Facebook gepostet, wenn der Laden geöffnet wurde, und die Kunden sind gekommen.

Immer, wenn Bier eine Rolle spielt, ist „BREWCOMER“ dabei. Auf der Kieler Woche ist das Team 2018 das zweite Mal und diesmal ist MIchi mit dem Standort zufrieden: „Letztes Jahr waren wir an der Halle 400, quasi auf dem Vorplatz, und damit hinter dem Kieler-Woche-Geschehen. Da musste man schon genau wissen, dass man uns dort findet.“ Dass die neue Craft-Beer-Area an der Hörn in direkter Nachbarschaft zu den Fahrgeschäften liegt, und dass der Platz in den vergangenen Jahren so häufig umgestaltet wurde, stört sie nicht. „Ich finde es gut, dass man den Bereich beleben will“, sagt Michi.

Im selben Boot

Michi und Mareike repräsentieren die Kieler Start-up-Szene auf unterschiedliche Weise und sitzen doch im selben Boot. So wie für Mareike lohnen sich Stände auf Großveranstaltungen auch für viele andere Selbstständige, die Kunst und Handarbeiten verkaufen, eher nicht. Das Publikum ist zu gemischt, nur wenige kaufen ein.

Wer aber etwas wirklich Neues einem möglichst großen Publikum bekannt machen will, der braucht diese Großveranstaltungen. Die Entwicklung von Craft-Beer zum Trendprodukt bestätigt einmal mehr, dass es bei Start-ups besonders wichtig ist, möglichst viele Kontakte zu knüpfen, und Vereine und Förderprogramme als Sprungbrett zu nutzen. Und das gilt sowohl für das Kunsthandwerk als auch für die Brauerei und sämtliche andere Projekte, die ihren Markt erobern sollen.