Ein abgeschlossenes Hochschulstudium: Was früher noch als Garant für beruflichen Erfolg galt, bringt Studierende heute an ihre nervlichen Grenzen. Auf zahlreiche Bewerbungen folgen ebenso zahlreiche Absagen. Nicht selten entsteht der Eindruck, dass es zu viele Absolventinnen und Absolventen auf zu wenige Jobs gibt. Zwei von ihnen sind Plan B gefolgt und studieren an der Fachhochschule Kiel den nicht-konsekutiven Masterstudiengang BWL. Und sind plötzlich wieder Erstsemester.

Alle Klausuren  sind geschrieben, alle Prüfungen abgelegt, alle Creditpoints  gesammelt. Das Studium der Amerikanistik, Anglistik und Geschichte ist beendet in der Regelstudienzeit, abgeschlossen mit der Note 1,3. Eigentlich sollte diese Ausgangssituation eine Menge Chancen bieten, eine Menge Türen öffnen. So dachte Anton (Name von der Redaktion geändert) zumindest, als ihm im letzten Jahr sein Abschlusszeugnis  an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) überreicht wurde. „Ich habe in zwei Städten studiert, habe dazu noch Auslandsaufenthalte eingebaut und wirklich hart für mein Studium und eine gute Abschlussnote gearbeitet“, so der 28-jährige. Trotzdem gestaltete sich die Arbeitssuche mehr als schwierig, obwohl Anton sich in vielen Bereichen bewarb, dazu noch deutschland- und europaweit: als Volontär in Museen, als Redakteur beim Fernsehen, sogar als Aushilfslehrer an einer Schule in Dänemark. Absagen häuften sich, zu kaum einem Gespräch wurde er überhaupt eingeladen. „Mein Vater hat ebenfalls studiert, damals eine einzige Bewerbung geschrieben und blieb bis zur Pension in diesem Job. Heute kannst du noch so gut abschließen und hast trotzdem keine Garantie, einen Job zu finden“, beklagt Anton. Diese Erfahrung teilt auch Christine. Sie hat im letzten Jahr ihr Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der CAU mit der Note 1,2 abgeschlossen, während des Studiums bereits Erfahrungen im Museum gesammelt und dazu ein Praktikum im Marketing gemacht. „Ursprünglich wollte ich gerne in einem Museum arbeiten, habe mich aber ebenso im Marketingbereich beworben, weil mir beides gefiel. Und von Bewerbung zu Bewerbung meine Ansprüche bereits immer weiter runtergeschraubt“, so die 29-jährige. Hauptsache irgendetwas finden. Hauptsache Geld verdienen. Doch wie Anton erhielt auch Christine zahlreiche Absagen, zu nur einem Gespräch wurde sie überhaupt eingeladen. Die Gründe für die Absagen waren dabei so vielfältig wie die angestrebten Berufe selbst. Teilweise wurde bereits Berufserfahrung gefordert, dann wiederum eine Promotion gewünscht oder sie wurden als überqualifiziert abgelehnt.

„Von der Geschichte der Antike zum Industriellen Rechnungswesen“, Foto: Pia Höllwig

„Von der Geschichte der Antike zum Industriellen Rechnungswesen“, Foto: Pia Höllwig

Für Studierende wie Anton und Christine bietet sich der nicht-konsekutive Masterstudiengang BWL der Fachhochschule Kiel an. Es ist kein Bachelor in BWL notwendig, um den 4-semestrigen Studiengang belegen zu können. Ursprünglich ist dieser für alle Absolventinnen und Absolventen verschiedenster Bachelorstudiengänge gedacht, die ihre erlernten Fähigkeiten mit dem Wissen der Betriebswirtschaftslehre verknüpfen wollen. Hilfreich sein kann das beispielsweise für eine spätere Selbstständigkeit oder eine Unternehmensgründung. Aber auch als Plan B, wie im Falle Anton und Christine, macht er sich gut. „Genau das ist das Spannende und gleichzeitig die Herausforderung an diesem Studiengang. Es treffen die unterschiedlichsten Denkrichtungen aufeinander: Mathematiker, Juristen, Historiker. Und alle streben den gleichen Abschluss an“, so Studiengangsleiter Prof. Dr.-Ing. Thomas Grabner. Das Studium setzt sich aus drei Semestern mit Veranstaltungen an der FH und einem Semester Praktikum zusammen. In den ersten beiden Semestern werden Inhalte ähnlich denen im Bachelor-BWL-Studiengang vermittelt. Durch die wesentlich höhere Intensität hierbei und gemeinsame Kurse und Projekte mit Absolventen des sechssemestrigen BWL-Bachelors  wird den Studierenden ein erhebliches Maß an Eigenleistung abverlangt. Dies sei durchaus eine Herausforderung: „Deswegen werden auch nur die Bewerber mit sehr gutem Schnitt zugelassen. Das Studium ist wirklich nicht ohne.“

„Tine Rohde“, Foto: Pia Höllwig

„Tine Rohde“, Foto: Pia Höllwig

Seit dem Sommersemester studieren Anton und Christine an der Fachhochschule eben diesen Studiengang. Keine einfache Entscheidung. „Wieder von vorne anzufangen und mit fast 30 nochmal zu studieren, erfordert ein großes Maß an Disziplin“, so Christine. Selbstzweifel blieben bei beiden nicht aus. Hätten mehr Bewerbungen geschrieben, mehr Praktika gemacht, mehr Erfahrungen gesammelt werden müssen? Oder hätten sie gar von Anfang an etwas anderes studieren sollen? Diese Frage beschäftigt vor allem Anton: „Ich habe damals das studiert, was mich interessiert hat und nicht das, was die größte Aussicht auf späteren Erfolg versprach. Vielleicht hätte ich von vornherein anders entscheiden sollen.“ Dazu macht sich auch Kritik breit, dass es einen Aufnahmestop für bestimmte Studiengänge geben sollte, um so einem Bewerberüberschuss vorzubeugen.

"Dieses Gebäude sehen Anton und Christine nun häufiger - das Gebäude der Fachbereiche Wirtschaft und Soziale Arbeit", Foto: Pia Höllwig

„Dieses Gebäude sehen Anton und Christine nun häufiger – das Gebäude der Fachbereiche Wirtschaft und Soziale Arbeit“, Foto: Pia Höllwig

Prof. Dr.-Ing. Grabner hält diese Selbstzweifel für unbegründet: „Die Studierenden erhalten hier in kürzester Zeit einen zweiten Abschluss und dadurch unwahrscheinlich viele Perspektiven. Dadurch heben sie sich in Verbindung mit ihren bisherigen Erfahrungen ja nochmal ab.“ Anton und Christine sind mittlerweile beide froh über ihre Entscheidung und blicken positiv in die Zukunft. „Ich gebe zu, am Anfang war es mehr eine Notlösung, ein Aufschieben bis ich mich wieder bewerben muss. Aber jetzt macht es mir richtig Spaß!“, meint Christine. In welche Richtung es endgültig gehen soll, werde sich dann in zwei Jahren zeigen.

Wenn euer Interesse an diesem Studiengang oder anderen Studiengängen des Fachbereichs Wirtschaft nun geweckt ist, findet ihr alle relevanten Informationen hier: https://www.fh-kiel.de/index.php?id=77