„Heute Streik“ – die Kita bleibt geschlossen. Diese Schilder haben im Mai vielen berufstätigen Eltern Kopfzerbrechen über die Betreuung ihres Nachwuchses bereitet. Dann kam im Juni nach vier Wochen Streik die Friedensphase, kurz durchatmen und schon wieder sind die Tarifverhandlungen gescheitert. Die Zitterpartie beginnt nun also wieder von neuem für Eltern, die auf die Betreuung ihrer Kinder angewiesen sind. Aber auch Studierende sind von der Problematik betroffen, denn immerhin sind auch viele von ihnen Eltern und müssen ihren Alltag zwischen Kindererziehung und Vorlesung bewältigen. Da kann solch ein Streik schon einmal ein „kleiner Supergau“ sein, wie es die Studierende und Mutter Johanna Jedowski beschreibt.

Ein kurzer Rückblick: Am 8. Mai 2015 riefen die drei Gewerkschaften ver.di, dbb (Beamtenbund) und die GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) zu unbefristeten Streiks auf. Zuvor scheiterten die Tarifverhandlungen im April vorerst. Beschäftigte im Sozial- und Erziehungsdienst streikten insgesamt vier Wochen für eine höhere tarifliche Einstufung unter dem Motto: „schlechte Bezahlung – wenig Wertschätzung“. Bestreikt wurden dabei unter anderem Kindertagesstätten in kommunaler Trägerschaft. Die Schlichtung (und somit der vorläufige Streikstop), auf die sich die Vereinigung kommunaler Arbeitgeber und die Gewerkschaften vorerst geeinigt hatten, scheiterte nun Ende Juni. Bis zu den neuen Verhandlungen Mitte August ist somit wieder alles möglich im Kita-Streik und wie ver.di-Gewerkschaftschef Frank Bsirske bereits sagte: „Dieser Streik wird die Eltern hart treffen.“

Johannas "Jungs": der fünfjährige Kian (links) und der zehnjährige Leon, Foto: Johanna Jedowski

Johannas „Jungs“: der fünfjährige Kian (links) und der zehnjährige Lion, Foto: Johanna Jedowski

Eine dieser Eltern ist Johanna Jedowski. Die alleinerziehende, zweifache Mutter studiert in sechsten Semester „Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation“ an der Fachhochschule. Ihre beiden Söhne werden in städtischen Einrichtungen betreut: Ihr Sohn Kian geht in den Kindergarten und Lion geht nach der Grundschule in den Hort. „Die erste Woche fanden wir super! Aber ab der Zweiten hatten Kian und ich einen richtigen Koller.“ Ihr Sohn habe vor allem seine Freunde vermisst und die Situation nicht verstanden, erzählt Johanna.

Da Johannas Familienmitglieder berufstätig sind und der Vater der beiden Söhne auf Reisen war, versuchte sie während des Streiks zu improvisieren, um zumindest zu Kursen mit Anwesenheitspflicht gehen zu können. Da hat dann eine befreundete Mutter ihren Sohn vormittags betreut oder sie und eine betroffene Mutter haben sich gegenseitig geholfen. Eine durchgängige Lösung war das jedoch nicht und so konnte Johanna ein Modul nicht ein einziges Mal während des Streiks besuchen. Gegen eine abwechselnde Betreuung unter Eltern in den Räumen der Kitas hat sich die Studierende bewusst entschieden. „Das wollte ich dann irgendwie nicht riskieren, da wir erst kürzlich mit einem Loch im Kopf im Krankenhaus waren und das mit dem Versicherungsschutz so eine Sache ist.“

Die FH selber hat bisher keine Notfallbetreuung, erklärt Noha Stephanos vom Familienservicebüro, das sich um alles rund um die Vereinbarkeit von Studium und Familie kümmert. Bei ihr haben sich jedoch während des Streiks keine Studierenden gemeldet. „Ich vermute, dass die meisten sich hauptsächlich privat organisiert haben“, sagt Stephanos. Das Familienservicebüro plant jedoch für die Zukunft die Einführung einer Babysittingbörse. „Ich werde mit diesem Projekt bald starten und hoffe, dass es für solche Situationen eine Abhilfe schaffen kann“, fügt sie hinzu.

Johanna befürchtete zuerst, durch die vielen Fehlzeiten ihr Bachelorstudium um ein Semester verlängern zu müssen und nicht sofort im Anschluss ihren Master anfangen zu können. „Das hat mir ziemliche Kopfschmerzen bereitet“, sagt die 34-Jährige. Die fehlenden Leistungspunkte kann sie nun jedoch im nächsten Semester nachholen und dieses Semester ginge ja auch zum Glück dem Ende zu. „Lernen für die Prüfungen kann ich auch auf dem Spielplatz.“ Nur mit ihrem Nebenjob, den sie seit Mai hat, ist es problematisch, erklärt Johanna. Sie verbindet ihren Job mit einem „Projekt im Unternehmen“ und will daran im nächsten Semester ihre Bachelorthesis knüpfen. „Aber versuch mal, mit einem unausgelasteten Kind zu Hause zu arbeiten. Mehr als eine halbe Stunde am Stück ist nicht drin!“

Trotz des ganzen Stresses den Johanna durch das „nie endende Wochenende“ hatte, hat sie jedoch Verständnis für die Forderungen der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst. Ihr eigener Vater arbeitet in einem Behinderten-Wohnheim. „Ich finde, dass gerade Menschen, die in sozialen Einrichtungen arbeiten eine so riesengroße gesellschaftliche Verantwortung tragen“, sagt Johanna und fügt dann hinzu: „Welche Mittel haben Arbeitnehmer denn sonst, um auf sich aufmerksam zu machen?“

Titelbild: Foto von Franz Ferdinand Photography (Flickr, CC BY-NC 2.0)