Vorschläge sammeln am Tag der inklusiven Hochschule für einen leichteren Studienalltag von Menschen mit Beeinträchtigung.

Laut der Datenerhebung “BEST – beeinträchtigt studieren“ haben sieben Prozent der Studierenden eine Krankheit, die sie in ihrem Studium beeinträchtigt. Dazu gehören neben körperlichen Behinderungen auch psychische Beeinträchtigungen. Eine beachtliche Zahl und Grund genug, sich über die aktuelle Situation der Betroffenen an den Hochschulen Gedanken zu machen. Laut der 2009 verabschiedeten UN Konvention für Rechte von Menschen mit Behinderung sollen Betroffene uneingeschränkt an allen Bereichen des Bildungssystems teilhaben können, auch an Hochschulen. Um dies gewährleisten zu können, werden Aktionspläne gestaltet, die konkrete Maßnahmen und Ziele festlegen. 

 

Nachdem die CAU bereits einen Aktionsplan entwickelt hat, möchten die Studierenden der Fachhochschule Kiel nun nachziehen. Aus diesem Grund fand am 10. Mai 2017 im Rahmen der 16. Interdisziplinären Wochen der erste Tag der inklusiven Hochschule statt. Und es ließen sich bereits erste gute Neuigkeiten verkünden. Das Präsidium stehe hinter dem Thema und ein Präsidiumsbeschluss zu dem gewünschten Aktionsplan, der zeitnah verabschiedet werden soll, sei bereits in Arbeit, verkündete Diversitätsbeauftragte Julia Koch.
Initiiert und organisiert wurde die Veranstaltung von dem Allgemeinen Studierendenausschuss AStA unter der Leitung von Christin Stormer. Thema des Tages war die Situation der Studierenden mit Behinderung und / oder chronischer Erkrankung. „Vom Tag der inklusiven Hochschule erhoffe ich mir die Zusammenarbeit von Hochschulangehörigen zur Verbesserung der Situation von beeinträchtigten Studierenden sowie Beschäftigten an der Fachhochschule“, so Christin Stormer. Als Gäste und Vortragende waren unter anderem der amtierende Staatssekretär Rolf Fischer sowie der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Prof. Ulrich Hase, und die Leiterin der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS), Dr. Christiane Schindler, vor Ort.

Sonja Steinbach moderierte die Veranstaltung (Foto: Maja Steinberg)

Bei Vorträgen und Workshops wurden Ideen und Vorschläge gesammelt, die Material für die Erstellung eines Aktionsplanes liefern sollen. Die Ergebnisse der Gruppen, die sich mit Kommunikation und Organisation, inklusiver Lehre, Beschäftigten und Barrierefreiheit beschäftigt haben, sind eindeutig: Es muss noch einiges getan werden. Bewusstseinsbildung, Sensibilisierungsarbeit und barrierefreier Ausbau sind dabei zentrale Punkte, die auch in den Aktionsplan aufgenommen werden sollen. Ebenfalls als sehr wichtig wird die gemeinsame Lösungssuche mit Betroffenen erachtet. Zusammenarbeit ist hier das Stichwort. So können Fehlbauten, wie beispielsweise bei dem barrierefreien Ausbau der Mensa, vermieden werden. Denn dort gibt es zwar eine Tür, die sich per Knopfdruck öffnen lässt, jedoch ist diese nur über einen Bordstein zu erreichen. Und dies ist kein Einzelfall, wie anwesende Betroffene berichten. Der Frust darüber ist groß und die langwierigen Veränderungsprozesse stoßen bei vielen auf Unmut. Inklusion sieht nach Ansicht der Betroffenen anders aus.

Doch was bedeutet Inklusion eigentlich? Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch dazugehört, egal, wie er aussieht, oder ob er eine Behinderung hat und auch, dass jeder Mensch bei jeder Sache mitmachen kann. Konkret für die Hochschulen heißt das: Barrieren abbauen. Auch Rolf Fischer sieht eine große Notwendigkeit darin, die Situation für Betroffene zu verbessern. Es sei ein Selbstverständnis für die Hochschulen, dass Barrieren abgebaut werden müssen. Dabei gehe es aber auch um das Denken, denn die größte Barriere bestehe in den Köpfen der Menschen.

Aber um wie viele Betroffene handelt es sich an der FH Kiel? Hier liegt das mitunter gravierendste Problem. Genaue Zahlen darüber, wie viele Studierende mit Beeinträchtigung an der Fachhochschule Kiel eingeschrieben sind, liegen nicht vor. Auch welche Arten von Beeinträchtigung vorhanden sind, ist nicht erfasst. „Uns fehlen Informationen und das macht Schwierigkeiten“, so Prof. Ulrich Hase, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung. Um dieses Problem zu beheben, ist bereits eine Umfrage des AStA in Arbeit, die dann per Mail verschickt wird und die notwendigen Daten generieren soll.

Von links: Rolf Fischer (amtierender Staatssekretär), Dr. Christiane Schindler (Leiterin IBS), Christin Stormer (AStA Referentin für Soziales), Prof. Ulrich Hase (Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung), Prof. Dr. Marita Sperger (Vizepräsidentin der FH Kiel), Julia Koch (Diversitätsbeauftrage FH Kiel) und Klaus-Michael Heinze (Kanzler FH Kiel). (Foto: Maja Steinberg)

Oftmals scheuen die Betroffenen sich jedoch davor, ihre Behinderung öffentlich zu machen, aus Angst vor Ausgrenzung und Diskriminierung. Gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen gehen von sich aus weniger offensiv mit ihrer Beeinträchtigung um, zumal diese äußerlich auch gar nicht wahrnehmbar ist. Dabei kann gerade durch Nachteilsausgleiche eine wesentliche Erleichterung im Studienalltag geschaffen werden. Hierzu muss ein Antrag an das jeweilige Prüfungsamt gestellt werden, sodass zum Beispiel bestimmte Hilfsmittel oder eine Zeitverlängerung bei den Prüfungen erwirkt werden kann. Allerdings ist dieser Prozess zeitaufwendig und muss jedes Semester wiederholt werden. Oftmals wissen die Betroffenen auch gar nicht von dieser Möglichkeit. An dieser Stelle sollte es zu strukturellen Veränderungen kommen. Davon würden sowohl die Betroffenen als auch die Hochschule profitieren.

Zusammengefasst sei der Aktionsplan „eine Chance, klare Maßnahmen zu entwickeln“, so Dr. Christiane Schindler. Damit dieser erfolgreich wird und möglichst alle Interessen vertritt, plant der AStA einen Arbeitskreis. In diesem soll dann weiter an den konkreten Maßnahmen gearbeitet werden. Jeder, der sich einbringen möchte oder Ideen und Vorschläge hat, ist eingeladen, sich an den AStA zu wenden. Weitere Informationen zu dem Arbeitskreis werden noch bekannt gegeben.
Die Anwesenden sind sich auch einig, dass die Veranstaltung kein einmaliges Event bleiben soll, damit ein nachhaltiges Bewusstsein für das Thema Inklusion geschaffen werden kann. Sabine Dittman, selbst Betroffene und ehemalige Studentin, fasst den Tag der inklusiven Hochschule treffend zusammen: „Geredet worden ist genug, es muss jetzt gehandelt werden!“